Ist „Wächter des Tages“ in Ihren Augen noch russisches Kino oder internationaler Blockbuster?
Konstantin Ernst: Es ist ein russischer Film im Gewand eines amerikanischen Movies. Wir wollten Mainstream-Kino machen. Im ersten Teil der Wächter-Trilogie, in „Wächter der Nacht“, konnten wir das nur zum Teil umsetzen, denn auf den zweiten Blick zeigt sich doch, dass es irgendwie ein Arthouse-Film geworden ist. Bei „Wächter des Tages“ ist das schon anders.
Haben Sie für dieses Ziel den russischen Charakter der Geschichte und das russische Flair in Bezug auf das Lebensgefühl und Optik etwas zurücknehmen müssen?
Anatoly Maximov: Wir haben nie auf ein internationales Erscheinungsbild geachtet. Wir glauben noch heute, dass wir nur dann im Ausland eine Chance haben, wenn wir zu Hause erfolgreich sind. Authentizität ist eine ganz wichtige Energiequelle des Films. Nur wenn sich eine solche Energie aufbaut, kann eine Dynamik in Gang kommen, die einen Film ohne Schub von außen vorantreiben und verkaufen kann.
Was erfahren wir in „Wächter des Tages“ über das Russland von heute?
Maximov : Es wird die Geschichte eines zerbrechenden Imperiums erzählt. Russland befand sich Anfang der 90er Jahre in einer solchen Situation – es war die größte Krise seiner Geschichte. Was folgte, hat sowohl positive wie auch negative Seiten. In „Wächter des Tages“ ist die Hauptfigur Anton genau dazwischen gefangen. Wir befinden uns zu dem Zeitpunkt im Jahr 2006, doch Anton kehrt im Laufe der Geschichte ins Jahr 1992 zurück – in der Hoffnung auf eine zweite Chance.
War denn das Moskau der 90er Jahre ein besserer Ort als das Moskau von 2006?
Maximov : Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion machte sich im gesamten Land eine hoffnungsvolle Stimmung breit. Alles schien möglich, bis uns die kriminellen Oligarche die Zukunft gestohlen haben. Sie etablierten ein neues Spiel: den Kampf um die Macht. Im Film will Anton das Leben vor dem blutigen Kampf zurückhaben. Soweit der soziale Aspekt dieser Geschichte. Dann gibt es noch den psychologischen Aspekt, das Kernstück des Films: der unlösbare Konflikt, sich zwischen einer neuen Liebe und der alten Familie entscheiden zu müssen. Ein klassisches Melodram.

Dabei ist „Wächter des Tages“ auch sehr unterhaltsam und komisch!
Ernst: Ja, denn das Leben ist nicht nur schwarz oder weiß. Das Leben ist eine Mischung aus Tragödie und Komödie.
Maximov : Wir haben außerdem von unserem Publikum gelernt und erkannt, wie wichtig gerade die Phasen sind, in denen der Zuschauer auch mal entspannen kann. Die Ideallösung wäre eine blutige Komödie. Lachen ist wie ein Investment: je mehr der Zuschauer davon investiert, umso größer ist sein Interesse und umso stärker festigt sich seine Einstellung zum Film. Jeder der lacht, akzeptiert die Geschichte.
Sie sind Fernsehproduzenten und hatten „Wächter der Nacht“ als TV-Serie geplant. Wie kam es zu der Überzeugung, dass der Stoff für einen Kinofilm taugt?
Maximov : Als Regisseur Timur Bekmambetov uns die Ergebnisse der ersten Drehwoche zeigte, haben wir gleich gesehen, dass er eine extrem frische, ganz neue Sichtweise auf die Realität hat. So etwas gab es bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch nicht! Es steckte eine neue Botschaft in den Bildern, die bei dem Stoff zwar in der Luft lag, aber so nicht im Skript stand. Timur ist es gelungen, mit einer besonderen visuellen Sensibilität die Realität darzustellen. Er macht den Zuschauer glauben, dass das, was er sieht, wirklich passiert. Wenn Sie mich fragen, was den Film größer macht, als er eigentlich ist, dann lautet meine Antwort: Wir haben den richtigen Regisseur gefunden.
Allerdings einen Regisseur ohne Spielfilmerfahrung!
Maximov : Ein Regisseur, der es versteht mit einer großen Gruppe zu kommunizieren – so wie wir auch. Konstantin Ernst und ich arbeiten für den größten Fernsehkanal Russlands, Kanal 1, und Timur war unangefochten die Nummer eins unter den Werbefilmern. Wir konnten sehen, dass sich Timurs Vorstellung von Kino mit den Erwartungen der Kinobesucher deckt. Dem russischen Kino fehlte es an der Komplexität einer Botschaft und an einer konsequenten Erzählstruktur. Timur lieferte uns beides.
Und das für ein begrenztes TV-Budget?
Ernst: Ja, wir wollten einen Film, der wenig kostet aber nach einer Big-Budget-Produktion aussieht. „Wächter der Nacht“ und „Wächter des Tages“ haben zusammen nur sechs Millionen Dollar gekostet. Es in Russland zugegeben auch günstiger einen Film zu produzieren als in den USA.
Trotzdem haben Sie neue Maßstäbe gesetzt…
Maximov : … und sind nun Opfer unseres eigenen Erfolgs geworden. Wir hatten den Beweis erbracht, dass im russischen Filmbusiness Geld steckt. Kino ist trendy und lässt sich gut vermarkten. Die Folge: Es werden zurzeit mehr Filme produziert als zu Sowjet-Zeiten – es sind um die 200 Filme. Der Mangel an Arbeitskräften hat die Löhne und damit die Gesamtkosten enorm in die Höhe getrieben. Wir können den Zuschauern nicht mehr die Filme liefern, die wir ihnen versprochen haben. Ich sehe ein großes Problem auf uns zukommen, denn die Filmindustrie befindet sich noch in den Kinderschuhen, führt sich aber so auf, als ob sie schon erwachsen sei. Dann passiert in der Regel eine Katastrophe: Wir werden in diesem Jahr die Führungsposition an den Kinokassen wieder an Amerika verlieren.
Das war im vergangenen Jahr noch anders?
Maximov : Ja, da besetzten russische Filme alle Top 5-Positionen. Es wurde auch immer leichter, da die Zahl der Kinos im Land bis heute stetig steigt. Vor „Wächter der Nacht“ lag das beste Einspielergebnis eines russischen Films bei 1,4 Millionen Dollar. Wir haben gleich den Sprung auf 16 Millionen Dollar geschafft – mehr als jeder ausländische Film zuvor eingespielt hat. Bei „Wächter des Tages“ sind es sogar 35 Millionen Dollar.
Wie erklären Sie diesen Erfolg?
Ernst: Wir selbst fanden es spannend, wie sich die Spielregeln während des Spielprozesses entwickelten. Es gab vor „Wächter der Nacht“ kein Publikum für russische Filme. Als unsere Kinos noch Friedhöfe waren, kamen die Amerikaner und lockten vor allem wieder junge Leute in die Säle. Hollywood prägte in den Jahren das Publikum sehr stark. Unser Ziel war es, zuerst dieses junge Publikum für uns zu gewinnen. Das bedeutete vor allem: Die Schauspieler mussten wie Amerikaner gekleidet sein. Ohne diesen Dresscode hätten wir es erst gar nicht in die Theater geschafft.
Maximov : Für „Wächter des Tages“ haben wir mit einem tiefgründigen, manchmal vielleicht etwas verstörenden sozialen Kontext noch ein weiteres trojanisches Pferd eingebaut. Es verschaffte uns die Nähe zum etwas reiferen Publikum – eine Zielgruppe, die wir unbedingt dazu gewinnen wollten. Wir haben einen sanften Stilwechsel angestrebt: etwas weg vom urbanen Thriller und hin zum Melodram. Deshalb gibt es auch weniger Gewaltszenen im Vergleich zu „Wächter der Nacht“..
Ging die Rechnung auf?
Maximov : Ja, wir konnten die Zahl der Kinobesucher weiter steigern. Bei „Wächter der Nacht“ waren vier Millionen in den Kinos – zu der Zeit waren das alle, die in Russland überhaupt ins Kino gingen. Das haben wir bei „Wächter des Tages“ noch einmal um 2,5 Millionen toppen können. Mit unseren Filmen haben viele Russen das Kino neu für sich entdeckt.
Sie haben auch in Deutschland Fans fürs neue russische Kino gewonnen!
Ernst: Die Resonanz auf „Wächter der Nacht“ war eine wahre Freude für uns. Der Film hat allein in Deutschland 2,6 Millionen Dollar eingespielt.
Maximov : Das ist übrigens mehr, als er gekostet hat!
Fox Searchlight hatte sehr schnell das Potenzial Ihrer Wächter-Trilogie erkannt und wird Teil 3 koproduzieren. Was versprechen Sie sich von der Partnerschaft mit den Amerikanern?
Maximov : Es ist bereits jetzt ein tolles Gefühl, dass viele Dinge möglich sind, von denen wir dachten, sie seien unmöglich. Es macht einen Unterschied, ob du auf deinem Grundstück und in deinem eigenen Garten einen weiten Sprung nach vorne machst, oder ob du es in einem voll besetzten Stadion tust. Fox gibt uns das Gefühl, in ein großes Stadion einzuziehen.
Bedeutet eine neue Arena für Sie auch ein komplett neues Spielfeld?
Maximov : Es wird eine neue Story geben – mit amerikanischen Schauspielern. Wir werden aber auch einige der Charaktere aus den ersten beiden Filmen integrieren können. Mit „Wächter der Nacht“ und „Wächter des Tages“ haben wir eine neue Marke geschaffen, ein branding, das auch für des Wächter-Finales prägend sein sollte. Die Autoren müssen eine Geschichte mit einer „brennenden Oberfläche“ finden, die allerdings nichts Oberflächliches haben darf.
Denken Sie da an einen konkreten gesellschaftlichen Bezug?
Maximov : Auf jeden Fall sollte es ein Konflikt sein, der etwas mit wahren Menschen zu tun hat. Dann ist es nicht mehr schwer, die notwendige Hitze für den Kampf der Wächter zu entfachen. Ohne den sozialen Schlüssel wären die Kämpfe nichts anderes als ein weiterer Abklatsch der Superman-Geschichte. Die große Aufgabe der Autoren besteht nun darin, einen solchen Konflikt in der amerikanischen Gesellschaft zu finden. Dafür sind wir beide nicht die Richtigen, denn wir leben in einer komplett anderen Welt.
[Rainer Vogt]

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